Was es hier nicht gibt? Überragende Feuilleton-Kritiken. Elende Langeweile. Moral und Tabus. Eine Regelmässigkeit.
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Nein, auf den Laufsteg der Eitelkeiten, wo androgyne Beautés die Haute Couture zur Schau tragen, hat es das gemeine Fussballtrikot noch nicht geschafft. Aber ein wenig modischer und schnittiger ist es über die Jahrzehnte zweifellos geworden. Wobei der Style für wahre Fans sekundär ist, sie tragen auch am Massengeschmack vorbeidesignte Leibchen mit Stolz.
Dass solche «Prachtstücke» häufiger produziert werden, als man(n) meint, beweist das grandiose Buch «Classic Football Shirts». Es ist sozusagen der um gescheite historisch und kulturell einordende Essays ergänzte Archiv-Katalog des gleichnamigen Fussballshirt-Anbieters, der 2006 inManchester von Doug Bierton und Matthew Dale gegründet wurde. Erst vertriebendie Studis die Raritäten und Klassiker von einem Schlafzimmer aus, inzwischen ist die Firma mit dem Motto «No Fakes, no Remakes» weltweit führend und betreibt Geschäfte in Grossbritannien und den USA.
Vieles, was es da zu kaufen gibt oder gab, findet sich auch im Buch. Es sind Hunderteoriginal getragener Trikots aus Clubs rund um den Globus, etwa die frühen Jahre Ronaldos, aber auch die Glanzzeiten von Posterboy «Becks» bei Manchester United. Ergänzt wird die Vereinsshirt-Sammlung durch Trouvaillen aus fussballerischen Sternstunden – etwa das gute Stück, das Maradona anhatte, als seine berüchtigte «Hand Gottes» im Einsatz war, Leibchen von Pelé und Zidane, die sie trugen, als sie Weltmeister wurden ... oder auch Trikots von Messis rekordbrechender Saison beim FC Barcelona.

«Die Schweiz im Kino»? Nope, das ist kein Buchtitel, der cinéphileMenschen in irgendeiner Form nervös machen dürfte. Besser wirds indes, wenn manden Zusatz liest: «100 internationale Filme vor Schweizer Kulisse». Denn ja,das ist zweifellos spannend. Weil: Eine Handvoll Streifen mit hiesigen Schauplätzen, das kriegt frau/man gerade noch so hin – alleine James Bond deckt mit «Goldfinger» (1964), «Im Geheimnis Ihrer Majestät» («On Her Majesty's Secret Service», 1969) oder «GoldenEye» (1995) ein halbes Dutzend ab (und das ist längst nicht alles), dazu «Das Wunder von Bern», «Bourne Identity», «Der Zauberberg» …
Doch da sind eben noch viele, viele mehr. Und man muss vor Autor Arnaud Aubelle den grossen Hut ziehen: Der frühere Drehbuchlektor des französischen Filmverleihs Gaumont, der seit 2015 in der Schweiz lebt, hat selbst nerdigste Nischen durchleuchtet und dabei manche Kuriosität ausgegraben. Um trotz der immensen Auswahl eine gute Übersicht zubieten, beschränkt er sich bei jedem Film auf ein paar Schlüsselangaben (Regie, Besetzung, Genre, Land, Schweizer Schauplätze etc.), eine süffige, aber pointierte Kritik, den Bezug zur Schweiz und die Rubrik «Immer wiedersehenswert wegen … ». Zudem hat er die Filme aufgeteilt – in gängige Kategorien wie «Klassiker» oder «Popcorn», aber auch in ungewöhnliche Gattungen wie «Doppelleben», «Kuriositätenkabinett» oder «In der Nebenrolle». Gerade in diesen Sparten dürften selbst Film-Buffs noch die eine oder andere Entdeckungmachen.

Keith McNally, dem die «New York Times» einst bescheinigte, er habe Manhattan erfunden, redet in seinen Memoiren «I regret almost everything» nicht lang um den heissen Brei (wobei diese profane Speise in seinen exquisiten Brasserien wohl kaum je aufgetragen wird) – gleich im ersten Satz verkündet der unkonventionelle Gastrounternehmer, er habe anfangs August 2018 versucht, sich umzubringen.
Es ist der Tiefpunkt eines bewegend tollkühnen Lebens. Dessen Wege – das ist der inspirierendste Gewinn der Lektüre – oft von herrlich «schrägen» Entscheidungen beeinflusst werden. Etwa von der Tatsache, dass McNally, in London aufgewachsen, in den 1970er-Jahren wegen des Films «Klute» nach New York auswandert. In einer Einstellung des Psychothrillers kaufen die Hauptfiguren Bree Daniels (Jane Fonda) und John Klute (Donald Sutherland) nach Mitternacht Früchte. «Als Sutherland nach üppigen Pfirsichen greift, eruptiert Fondas Begierde auf der Kinoleinwand», so McNally im Buch. Nach dieser Szene habe er in New York leben wollen … nicht wegen der Erotik, sondern weil man da um diese Uhrzeit frisches Obst bekommt. Grandios.
Das Buch ist nicht brandneu, es ist bereits letzten Sommer erschienen (und bislang nicht ins Deutsche übersetzt). Aber wie guter Rotwein scheint es prima zu altern: die Kritiken und Kommentare wirken irgendwie vorzu hymnischer. Dabei ist Keith McNally definitiv kein «homme de lettre» … aber ebenso definitiv ein Mann mit Haltung, der weiss, wie eine gute Story geht.

Ein relevantes und wichtiges Buch, da es Menschen, die sich vor dem Tode fürchten, als beruhigende, relativierende Lektüre dienen kann. Weil –und deswegen ist es ein verblüffendes Buch – der Umgang der 150 Befragten mit dem Titelthema fast ausnahmslos von Interesse, Neugier und «realitätsnahem» Denken geprägt ist.
So nannte gerade mal eine Person in ihrem Wunsch die Unsterblichkeit. Dafür tauchte etwa der Wunsch nach einer Welt mit weniger Konflikten auf. Oder jener, der Welt etwas Nachhaltiges im Bereich der Kunst zu hinterlassen. Dass die Antworten individuellen Charakter haben würden, konnte erwartet werden. Doch gerade die Vielschichtigkeit erstaunt, auch Buchmacherin Lüscher selbst: «Man möchte meinen, dass sich viele Menschen wünschen, im Schlaf zu sterben. Aber nein – nur einmal kommt dieser Wunsch unter den 150 Befragten vor. Die Menschen möchten verstehen und erleben, was geschieht», fasst die heute 89-Künstlerin und Trägerin des Prix Meret Oppenheim die Antworten zusammen.

Einen Roman von Ben Lerner zu lesen ist intellektuelle Arbeit. Ist beiläufige Weiterbildung. Ist grandiose Volte, wieder und wieder. Ist Dialogkunst auf höchstem Niveau. Ist innigliche Freude. Klar: Das ist zu absolut und zu pauschal formuliert; Lesen ist und bleibt ein individuelles, subjektives Abenteuer. Aber wenn unzählige Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen zu sehr ähnlichen Verdikten tendieren, muss da schon mehr als bloss was dran sein.
Lerner-Novizen steigen idealerweise mit dem 2013 auf Deutsch erschienen Debütroman Abschied von Atocha ein, der all diese Ingredienzen beinhaltet, notabene in oft wuchtiger Form. Oder aber mit Transkription, dem neusten Werk des US-Amerikaners. In dem es als lebensphilosophische Fragestellung darum geht, was passieren kann, wenn jemand wegen eines seltsamerweise einfach so hingenommenen Missgeschicks in eine Situation gerät, die mehr oder weniger Routine gewesen wäre, die wegen des Vorfalls aber eine komplett andere Dynamik entwickelt.

Das Buch «American Images» – es ist der Katalog zur grossen Wanderausstellung der Fotografin Dana Lixenberg –, versucht das Unmögliche: Sprich einen Zeitraum von 30 Jahren und unterschiedliche Projekte wie etwa redaktionelle Porträts und die preisgekrönte Langzeitstudie «Imperial Courts» (1993 bis 2015) aus Watts, Los Angeles zu vereinen.
Doch statt zu scheitern, gelingt dem Buch eine Offenbarung in Form einer Sort-of-Werkschau, die Seite für Seite zeigt, was die Niederländerin kann wie nur wenig andere: Das Wesen des Menschen einzufangen, unabhängig vom komplexen Kontext der Biografie. Oder wie es das «Aesthetica Magazine» in der Ausstellungsbesprechung schreibt, die noch bis am 24. Mai im Maison Européenne de la Photographie (MEP) in Paris zu sehen ist: «Indem sie über Jahrzehnte hinweg an dieselben Orte zurückkehrt und mit denselben Menschen arbeitet, verwandelt sie die Kamera von einem Instrument der Aneignung in ein Werkzeug des Dialogs und der Erinnerung.»

Die meisten bisher erschienenen Bücher, die sich mit den kultig verehrten Pariser Buchhandlungen «La Maison des Amis des Livres» und «Shakespeare and Company» und deren amourös liierten Betreiberinnen Adrienne Monnier und Sylvia Beach beschäftigten, die sich an der Rue de l’Odéon praktisch gegenüber standen, handeln von der Blütephase in den Zwischenkriegsjahren. Also von jener Zeit, als die Avantgarde um Ernest Hemingway, T. S. Eliot, André Gide, Ezra Pound, D.H. Lawrence, Getrude Stein oder Man Ray die Läden zu jenem famosen intellektuellen Zirkel machten, den Monnier gern als «Odéonia» bezeichnete.
Anders Uwe Neumahr: Er thematisiert in die «Buchhandlung der Exilaten» diese Aspekte und Stories zwar auch, erweitert aber den historischen Fokus auf den Zweiten Weltkrieg und darüber hinaus. Dadurch erhalten wir Einblick in schicksalshafte Wendungen in den Biografien der zwei heldenhaften Protagonistinnen ... und erleben Hemingway als US-Soldaten, der die Rue del’Odéon befreit!

Bruno Ganz (1941–2019) war einer der bedeutendsten Schauspieler Europas und ein Liebling des Publikums. Aus dem Arbeiterquartier Zürich-Seebach hat er es auf die wichtigsten Bühnen des deutschsprachigen Theaters geschafft und in Inszenierungen von Luc Bondy, Klaus Michael Grüber, Peter Stein oder Peter Zadek geglänzt. Mit mehr als 100 Rollen in Filmen von Regisseuren wie Francis Ford Coppola, Theo Angelopoulos, Wim Wenders, Alain Tanner, Sally Potter, Eric Rohmer oder Ridley Scott hat Ganz Kinogeschichte geschrieben.
Bis heute gibt es kein Buch über Leben und Schaffen von Bruno Ganz, weil er sich stets gegen eine Biografie gesträubt hatte. Zusammen mit dem Schauspieler hat der Zürcher Filmpublizist Walter Ruggle dieses Buch angedacht. Es widmet sich seinem Leben und Schaffen, indem es den mehr als 100 Filmfiguren folgt, die er verkörpert hat.
«Schau Spiel Bruno Ganz» ist eine Hommage an den herausragenden Schauspieler und eine Dokumentation seiner Kunst.

Katzen (aka Büsis, Dachhasen, Fellnasen, Miezen, Pussys,Samtpfoten, Stubentiger etc.), Frauchen und Herrchen wissen das, sind eigenwillige Tiere. Und eigenwillige Tiere gehen gern spezielle Wege. Dazu benötigen sie selbstredend spezielle architektonische Gebilde – vor allem wenns darum geht, den heimischen Futternapf oder Lieblingsschlafplatz anzupeilen.
Solche Konstruktionen heissen Katzentreppen. Dass die banale Bezeichnung der tatsächlichen Sache selten gerecht wird, unterstreicht das Buch «Catwalk Stories» von Fotograf Francisco Paco Carrascosa, Grafiker Emanuel Tschumi und Kunsthistoriker Matthias Oberli. Die Kerls sind durch die Schweiz gezogen, haben die Objekte ihrer Begierde dokumentarisch eingefangenen, smart in Szene gesetzt – und da und dort in Zahlen, Fakten und hübsche Geschichten verpackt.
Ergänzt wird die originelle Katzenleiterli-Rundschau durch ein Sammelsurium an katziger Popkultur aus Motiven zwischen Nippes und Trash, frei nach demMotto: «Cat(ch) as cat(ch) can!»

Seit der Postmoderne sind Architektinnen, Historiker und Theoretikerinnen von einer seltsamen Faszination für faschistische Architektur ergriffen. Woher kommt diese Faszination? Andrew Santa Lucia und Daniel Jonas Roche reagieren mit ihrem Buch auf diesen jahrzehntelang gepflegten akademischen Fetisch. «Antifascist Architecture» ist der erste Versuch, eine brauchbare Definition antifaschistischer Architektur zu entwickeln, ausgehend von der Frage, wie antifaschistische Architektur aussieht und wer sie baut. Das Buch ist eine kaleidoskopische Bricolage über Menschen, die sich heldenhaft dem antifaschistischen Kampf angeschlossen haben, von Gebäuden, die im Namen des Antifaschismus errichtet wurden. Es ist auch ein «Ruf zu den Waffen» für eine antifaschistische utopische Zukunft.
Es ist geschrieben für Studierende und Praktiker der Architektur ebenso wie für Aktivisten und Sozialwissenschaftlerinnen, die sich für antifaschistische Geschichte, Theorie und Praxis interessieren.